Was das hier soll ...
Spiegel Online (SpOn) ist das meistbesuchte deutschsprachige Nachrichtenportal, und sein Forum vermutlich eines der am meisten gelesenen Foren in Deutschland -- wenn nicht das am meisten gelesene. Natürlich ist es moderiert.

No comment.

Die Moderation hat aber eine große Schwäche: Im Gegensatz zu Kommentarmöglichkeiten anderer großer Nachrichtenportale wie z. B. Zeit Online werden Beiträge nicht nur gelöscht, man erfährt als Nutzer nicht einmal, warum. Weder direkt, noch gibt es irgendwo einsehbare Richtlinien oder eine "Nettiquette". Und die Moderation nutzt die Löschtaste ausgiebig: Von 10 Beiträgen, die ich schreibe, kommen an einem Tag vielleicht 7 durch, an einem anderen nicht ein einziger. Anderen Nutzern scheint es nicht anders zu gehen.

Wie gesagt -- warum ein Beitrag nicht veröffentlicht wird, erfährt man nirgends. Zu einseitig? Zu differenziert? Zu laut? Zu leise? Zu extrem? Zu gemäßigt? Zu wenige Fakten? Zu viele? Man sollte meinen, ein durchdachter, argumentativer Beitrag hätte bessere Chancen auf Veröffentlichung als ein wilder Rant. Tatsächlich scheint es oft umgekehrt.

Wer am lautesten schreit, hat Recht.

Ich schätze, zwischen 60 und 80 % meiner Diskussionsbeiträge kommt im Durchschnitt nicht durch den Filter der Moderation. Da ich seit 2006 im SpOn-Forum angemeldet bin und seither über 1.000 Beiträge von mir veröffentlicht wurden, dürften ca. 2.000 - 3.000 im Reißwolf der Redaktion verschwunden sein.

Das ist ärgerlich. Nicht nur für den Narzissmus, den vermutlich jeder Forenposter irgendwo pflegt. Sondern auch für die Diskussionskultur. Denn wenn man damit rechnen muss, dass ohnehin die große Mehrheit der Posts ungelesen verschwindet, macht man sich bald auch nicht mehr die Mühe, Argumente und Belege für seine Meinung zu finden und sauber, vielleicht sogar geistreich zu formulieren. Es gewinnt am Ende der, der am lautesten brüllt: Ein solcher Post ist in zwei Minuten geschrieben und abgesetzt, und man kann ohne Mühe zwischen Kaffee und Brötchen zehn davon absetzen -- einer oder zwei kommen wahrscheinlich durch. Wer den Aufwand auf sich nimmt, gut zu formulieren, Fakten heranzuziehen und evtl. sogar zu recherchieren, schafft in der Zeit nur einen: Und da nicht Qualität, sondern nur die Masse zu zählen scheint, geht die gut begründete Meinung unter, weil man sie erst gar nicht zu lesen bekommt.

Unterdrückung! Zensur!

Dieser Blog will zur "Diktatur der Lautsprecher" auf SpOn ein kleines Gegengewicht schaffen. Ich werde hier Beiträge veröffentlichen, die von der SpOn-Forenredaktion zensiert wurden -- und, wo es im Zusammenhang sinnvoll ist, auch die veröffentlichten.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich hat SpOn das "Hausrecht" auf seinen Foren und ist nicht verpflichtet, irgendeinen Kommentar durchzulassen. Die Moderation könnte auch bestimmte Poster komplett blocken, und niemand hätte eine Handhabe dagegen. Ich gehöre nicht zu denen, die "Unterdrückung der Meinungsfreiheit" schreien, wenn meine Äußerung nicht veröffentlicht wird -- xkcd hat dazu alles Nötige gesagt. Und auch wenn ich gelegentlich von "Zensur" schreibe, ist mir der Unterschied zwischen staatlicher Willkür und privatwirtschaftlicher Meinungshoheit durchaus bewusst.

Allerdings bin ich der Meinung, dass SpOn aufgrund seiner Marktführerschaft durchaus auch eine Mitverantwortung dafür hat, wie "öffentliche Meinung" (und die Diskussion auf den Foren eines großen Nachrichtenportals ist genau das) gemacht und präsentiert wird. Und ich finde, sie könnten es besser machen. Viel besser.